Ein Amischlitten an der Seine

Ich war voellig ueberrascht von diesem Anblick: da stand tatsaechlich unten am Quai des Celestins – gegenueber der Ile Saint Louis – dieser Amischlitten neben einem silbergrauen funkelnagelneuen Smart. Wie die beiden Autos da runtergekommen sind, war mir nicht klar. Es gibt ja nur Stufen fuer die Fussgaenger, und die spazierten in Gruppen flussaufwaerts, weil weiter oben die riesigen Touristenboote anlegen, die bis zu 1000 Personen fassen.
Der Ami wurde tatsaechlich von mir etwas zusammengequetscht, damit ein Quadrat herauskommt. Flotter schaut er deshalb auch nicht aus. Er sah auf dem zweiten Blick in Wirklichkeit ziemlich derangiert aus, weniger von aussen als das Innere. Der Lack war schon matt und die Stossstangen an vielen Stellen eingedellt. Wahrscheinlich ein Cadillac Seville aus dem 70er Jahren. Innen hingen Teile der Dachbespannung herunter, die hellen Sitze waren fleckig, einige Flaschen lagen auf dem Boden, zerknuellte Kleidungsstuecke, darunter auch Unterwaesche, eine roetlicher Stein, ein duerrer Zweig.
Auf dem Ruecksitz bemerkte ich zwei offene Buecher. Ich fotografierte einige Ausschnitte, weil ich dachte, das wuerde mir einen Hinweis auf damit zusammenhaengende Ereignisse bzw. die beteiligen Personen geben. Die erste Stelle lautet:
„...Wir sassen auf dem Ruecksitz des gruenen Citroen und fuhren die Rue Armand Cassel entlang. Sie hatten uns am Gare de l’ Est abgeholt: Meine Schwester und ihr Freund Antoine warteten auf Bahnsteig sieben; Antoine gaben wir die Hand, Camille fielen wir in die Arme. Die Reise hatte ein Ende genommen. Keiner von uns beiden glaubte daran. Chloe dachte, es sei nur etwas ganz Neues, es sei ein Zwischenstopp; wir würden andere Leute kennenlernen und sie ein neues Land, eine Stadt - wieder eine Stadt.
Beim Parc de Butte Chaumont bog der Wagen rechts in die Rue Crimèe ein und dann in die Rue de Mouzula. Es war das Haus Nummer dreizehn, wo wir hielten. Antoine fand eine Luecke und parkte davor. Bevor wir durchs Haustor traten und hochstiegen in den dritten Stock, hievte ich unseren Seesack auf die Schultern...“
Im zweiten Buch ergaben die lesbaren Bereiche folgendes Fragment:
„...Erst als der Junge im Auto vor ihr sich ein zweites Mal umdrehte, erwiderte sie sein Winken. Sie hob sogar die Haende an die Schlaefen und wackelte mit den Fingern, als haette sie Hasenohren, was ihn zum Lachen brachte.
Er hatte sich jetzt hingekniet. Sie sah seine runden Aermchen auf der Lehne des Ruecksitzes und wie er sein gluehendes Gesicht an die Heckscheibe presste. Er streckte die Zunge durch seine große Zahnluecke und zog Grimassen.
Wie er schwitzen muss, dachte sie, liess die Haende in den Schoss sinken und warf einen kurzen Blick in den Rueckspiegel.
Hinter ihr stand ein Laster, der die Sicht auf das Ende des Staus versperrte. Auf der mittleren und linken Spur reihte sich Wagen an Wagen. Die meisten Fenster waren herunter gekurbelt, einige hatten die Tueren weit aufgerissen oder waren sogar ausgestiegen und liefen mit mit grimmigen Mienen auf dem Seitenstreifen hin und her wie Tiere in einem Kaefig. Seit einer halben Stunde ging es am Boulevard Peripherique nur zentimeterweise voran. Denn zu dem Ferienverkehr kamen die Berufspendler hinzu. Die ersten Unfaelle hatten sich bereits ereignet, und es war voellig unklar, wann und wo sich der Stau aufloesen wird...“
Hatten Sie sich jemals vorgestellt, mit einem solchen Auto zu fahren - Cadillac Seville? Wenn ja – mit wem und wohin? Oder haette es Ihnen genuegt, sich auf die naechste Bank zu setzen, um darueber nachzudenken, wie es mit Antoine, Camille, Chloe etc. in diesem namenlosen Buch weiter gegangen sein koennte; und wozu der Blickkontakt zwischen dem Jungen und der Frau im Stau fuehren wird?
twoblogs - 18. Aug, 10:45
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